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Berlin Alex

Berlin

Da kiekste wie’n Auto, bloß nich’ so schnell!

„Nu beklecker dir ma nich’ det Chemisett“.  Ganz recht, wer Berlin besucht, sollte nicht zu zimperlich sein. Berliner Schnauze trifft auf ein aufregendes Nachtleben zwischen Bauwerken, die nicht immer ganz so recht zusammenpassen. Berlin wirkt mitunter zusammengewürfelt, rotzig und frech.

Berlin von Oben
Title: Berlin skyline; Quelle: Alexander Cahlenstein auf flickr.com

Die ohne Zweifel beliebteste Stadt Europas ist Paris. Berlin macht der französischen Hauptstadt allerdings Konkurrenz. Paris ist mondän, irgendwie gesetzt, dort bewegt sich nur sehr wenig; vollgestopft mit jahrhundertelanger Geschichte. Berlin wirkt irgendwie unfertig, immer auf dem Sprung zum nächsten Entwicklungsstadium. Berlin strotzt eher vor junger Geschichte. Kein Wunder: Vor über 70 Jahren komplett zerstört, steigt die Stadt wie Phönix aus der Asche. Wer sagt eigentlich, dass ein Phönix schön sein muss? Asche hat auch ihren Reiz. Schönheit ist reine Perspektivsache. Berlin steht für innere Schönheit, für das Leben in all seinen Facetten. Berlin ist authentisch, pulsiert, atmet, saugt auf, was sich bewegt – und lässt hin und wieder verbrannte Erde zurück.

Siegessäule
Title: Berlin – Siegessäule; Quelle: Roger W auf flickr.com

Berliner Schnauze – selbstbewusst und rotzig

Verbrannte Erde hinterlässt der Berliner gerne mal dank seines frechen Mundwerks. Berliner sind unfreundlich, so das landläufige Klichee. Freundlichkeit ist allerdings auch wieder ein sehr relativer Begriff. Der Berliner ist direkt, eben authentisch. Er sagt, was er denkt. Ehrlichkeit ist doch auch nett, oder nicht?!

„Ej, wat kiekst’n so? Mund zu, komm’ Fliegen rin!“ Da zuckt der Münchner gern mal zusammen. Stuttgarter bleiben tatsächlich mit offenem Mund stehen und Hamburger fangen an zu stottern. Charme wird in Berlin neu definiert – rau aber ehrlich.

Außergewöhnliche Orte

Nach der verbrannten Erde kommt die Asche. Asche steht hier für mich eher als Sinnbild für verlassene Orte. Brandenburger Tor, Goldelse und Reichstag kann jeder. Alles Orte, die nur so vor historischer Schwere schwitzen. Viel interessanter sind Orte, die zwar eine Geschichte haben, aber keine Zukunft – links liegen gelassen, zum Verfall freigegeben.

Flughafen Tempelhof: Zugegeben, das ehemalige Flughafengelände verfällt in keinem Fall. Vielmehr erobern sich die Berliner dort ein Stück Natur im Zentrum der Stadt zurück.

Tempelhof
Title: Flughafen Tempelhof; Quelle: K.H.Reichert auf flickr.com

Bekanntheit erlangte der Flughafen während der Blockade im Jahre 1949. Der Betrieb wurde 2008 komplett eingestellt. Seitdem ist das Tempelhofer Feld für die Öffentlichkeit zugänglich und bietet vielfältige Sport – und Freizeitaktivitäten.

Im Flughafengebäude selbst, dem größten Baudenkmal Europas, werden auch Führungen angeboten. Für etwa zwei Stunden geht es zurück in die legendäre Geschichte Tempelhofs.

Spreepark Plänterwald: Der einzige dauerhafte Freizeitpark der DDR wurde 1969 eröffnet. Mit dem damals größten Riesenrad der DDR und zahlreichen Attraktionen aus nicht-sozialistischen Ländern war der Park eines der beliebtesten Freizeitparks und Prestige-Objekt der DDR. Nach dem Mauerfall sanken die Besucherzahlen erheblich. Nach mehreren Verhandlungsanläufen zwischen Betreibern und dem Berliner Senat wurde der Park 2001 endgültig geschlossen. Mehr über die Geschichte des Parks gibt es bei einer interessanten Führung zu erfahren.

Spreepark Ungeheuer
Title: Spreepark Achterbahn2; Quelle: Désirée Cornet
Riesenrad Spreepark
Title: Spreepark Riesenrad Quelle: Désirée Cornet
Spreepark verlassen
Title: Spreepark Achterbahn; Quelle: Désirée Cornet
Spreepark leer
Title: Spreepark; Quelle: Désirée Cornet

Bunker in Wünsdorf: Bis 1945 diente dieser Bunker als Nachrichten-Bunker für die Deutsche Wehrmacht. Danach wurde er der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) überlassen. Heute ist dort ein Museum zur Geschichte der GSSD untergebracht.

Entwicklung zur „coolsten Stadt der Welt“:

In der ausländischen Presse wurde Berlin lange Zeit als „die coolste Stadt der Welt“ angepriesen. Allein die einzigartige Geschichte – insbesondere der zweite Weltkrieg sowie die Zeit des Kalten Krieges – machen Berlin für Touristen aus aller Welt besonders reizvoll.

Berlin hat sich zu einem Tourismus-Magnet entwickelt. 2014 verzeichnete die Stadt einen Besucher-Zuwachs von 546.000 Besuchern im Vergleich zum Vorjahr. Die größte Gruppe sind die Deutschen, gefolgt von Briten, Niederländern, Dänen und US-Amerikanern. Berlin als Drehort für zahlreiche Hollywood-Produktionen, Berlinale, Berlin Fashion Week und die Loveparade trugen zum Image einer weltoffenen und feierwütigen Stadt bei.

Berlin Ampel
Title: Berlin Green; Quelle: Håkan Dahlström auf flickr.com

Berlin und Loveparade ist unlängst Geschichte. Mittlerweile ebbt der Hype um Berlin langsam ab. Es ist sogar „in“ über die deutsche Hauptstadt zu lästern, getreu dem Motto: „Ich will nicht nach Berlin“. Was die sächsische Band Kraftklub singt, spricht zumindest vielen Deutschen aus der Seele. Berlin ist mir irgendwie zu groß, zu viele Touristen, zu hohe Mieten! Zu hohe Mieten?! Münchner und Hamburger können da nur müde lächeln.

„Im ‚Berghain’ ist längst die letzte Poritze beleuchtet“ (Die Welt, 08.06.2015). Es scheint, als ist der Sprung ins nächste Entwicklungsstadium vollzogen. Der Pionierstatus der Nachwendezeit ist dahin. Mittlerweile bieten auch andere deutsche Städte ihren nächtlichen Freudenpfuhl aus Musik, Glas und Beton.

Berghain
Title: Berghain/ Panorama Bar Berlin; Quelle: Lander Janssens auf flickr.com

Die Diskussion über Berlin in den Medien wird nicht selten mit Neid geführt. Berlin wird schließlich seit mehr als 20 Jahren gehypt. Das kann nicht jede Stadt von sich behaupten. Sowas schürt zwangsläufig Neid. Die mediale Aufregung beweist: Berlin ist noch lange nicht vorbei. Das Interesse für die Stadt und Ihre Zukunft bleibt.

Alle interessieren sich scheinbar für den Niedergang. Eine öffentliche Debatte führt aber auch zur Weiterentwicklung. Über München oder Stuttgart zerreißt sich niemand so leidenschaftlich das Maul. Kann positiv sein, steht allerdings auch für Desinteresse! Frechheit siegt! Berlin ist tot – es lebe Berlin.

 

Was wir sonst noch sagen wollten:

  • Der gleichen Meinung ist auch das Blogger-Team von berlin-ick-liebe-dir.de. Ein frischer und spannender Blog rund um die deutsche Hauptstadt. Unbedingt reinschauen.

 

Titelbild: berlin by night Quelle: m.a.r.c. auf flickr.com

Comments (5)

  1. Wonderful pics! Have a great start tot he week:)

  2. Ich bin Berlinerin und Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen,

    Bravo!!!

  3. Toller Beitrag, macht definitiv ‚Hauptstadtlaune‘ 🙂

  4. Nett gemacht, Christoph! Ich habe lange in Berlin gelebt und denke, dass Du seine ganz besondere und so schwer zu beschreibende (und gewöhnungsbedürftige) Atmosphäre toll beschreibst. Vor allem für Berlin-neulinge interessant. Gibt’s auch updates?

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