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Geständnisse

 Diese Kurzgeschichte beruht auf einem Artikel der FAZ Quarterly von 2017

Dieses eine schworen wir einander: Keiner würde sie und uns jemals allein lassen. Das war der Deal. Come what may. Ausstieg nicht möglich… lebenslang. Es war uns verdammt Ernst. Andere Paare bekommen Kinder mit weniger Ernst. Nämlich einfach so.

Über zehn Jahre sind seither vergangen. Unsere Liebe hat sich gewandelt. Wie und warum hätte das auch verhindert werden können. Sie fühlt sich jetzt älter und gelebter an, von Narben durchzogen. Sie ist jetzt mehr als Rotwein geschwängert. Mehr als Schmetterlinge im Bauch und die Aufregung vor dem ersten Mal. Sie wurde erweitert, um die Liebe zum gemeinsamen Kind. Das Kind, ein Zeugnis, ein Moment der Liebe, den es um sein Dasein in die Zukunft  verlängert. Als wärmende Kugel trage ich unsere Liebe allzeit unter meinem Brustbein. Ich muss mich nur darauf konzentrieren. Das ist es, was zählt.

Übermotivierte Jungjournalisten stellen mir altbekannte Fragen. Es macht mir nichts. Ich leiste schließlich Aufklärungsarbeit. Das souveräne Leben, das wir uns geschaffen haben, ist zum Grundstoff jeder meiner Fasern geworden.

 

Dass es die Shows geben würde, wusste ich bereits vor ihrer Geburt.

Schwarz-Weiß Fotografie Schwangerschaft

Trotzdem schwindet meine Konzentration mit jeder neuen Show. Mein Schweiß wird von den Puderpartikeln auf meiner Stirn getilgt und irgendetwas zuckt in meinem Fuß. Das ist das eigentlich Brisante. Doch die Kamera schluckt nur das, was man ihr gibt: verinnerlichte Worte, zwanglos aus meinen Mund sprudelnd, selbstbewusst gestikulierende Hände. Vor den ersten Shows war es mir wichtig gewesen, mir sämtliche Bestseller-Literatur und einen dieser Volkshochschulkurse zur Verbesserung der Körpersprache einzuverleiben. Es ist erstaunlich, was wir alles gleichzeitig zu tun vermögen. Was können Gewissheiten da anderes als Trugbilder der Wirklichkeit sein, wenn um uns und in uns so vieles vom Bewusstsein unberührt bleibt. Großhirnrinde und Schweißdrüsen arbeiten genau in diesem Augenblick wie gut eingespielte Geheimagenten, unbeobachtet von meinem Bewusstsein. 

 

 

Sind Trugbilder alles, was wir zum Überleben brauchen? 

 

 

Ich erinnere mich an all die Nächte mit Solarglühbirnen auf der Terrasse, Feenlichtern in den Bäumen, Rotweinflecken auf der Tischdecke, Zigarettenasche. Real gewordene Westwing-Träume. 

In diesen Sommernächten versuchten wir Risiken und Szenarien heraufzubeschwören. Wir versuchten die Konstante des Wandels kalkulierbar zu machen. Würden wir uns auch in zehn Jahren noch lieben? Könnte einer von uns unheilbar erkranken? Welche Eifersüchteleien würde es zwischen den Groß- und Urgroßeltern geben? Würden wir unter dem Druck der Öffentlichkeit zerbrechen? Würde sie es? Es war nur allzu wahrscheinlich, dass sie einen von uns bevorzugen würde. Mit großer Wahrscheinlichkeit mich.

Vor zehn Jahren hatte ich noch nicht abschätzen können, wie sie mich verändern würde. Welche werdende Mutter kann das schon.

Natürlich war ich nicht allein. Ich war in diesem gesamten Prozess nie allein gewesen. Neben mir liebten und litten noch drei weitere Menschen. Gleichberechtigt.

Ich erzähle von ihrem zehnten Geburtstag, während der nackte Teil meiner Oberschenkel am Studiosofa klebt. Jeder hatte 25 Euro gegeben – wie jedes Jahr und jedes Weihnachten. Das hielt die Geschenkeflut im Rahmen. Mia und Tommy, Raffael und ich. Mia hatte sie morgens geweckt und Tommy hatte ihr ihre Lieblingswaffeln gemacht. Das war so abgemacht gewesen. Seit sie sich wohl erinnern konnte, verbrachte sie ihren Geburtstagsmorgen bei Mia und Tommy, statt bei mir und Raffael. Sie liebte das. Einmal, das war vor zwei Jahren gewesen, hatte sie sogar ihre gesamte Geburtstagswoche bei den beiden in Spanien verbracht. Raffael und mich hatte sie nur ein bisschen vermisst. Dieses Jahr musste sie hingegen niemanden vermissen. Nach dem Tag im Wasserrutschenparadies wurde abends gemeinsam mit ihren Freunden und Eltern gegrillt. Danach schlief sie wieder glücklich, von ihrem Lieblingspferd im Reitstall träumend, im Bett bei Raffael und mir ein. Das durfte sie eigentlich nur ganz selten. Eigentlich nur, wenn sie krank war.

Wir vertrauen Klischees. Packing things in boxes – das braucht der Mensch, wie andere Lebewesen zum Erkenntnisgewinn. Erkenntnis kann unser Überleben sichern. Ein Spatz meint den Schatten eines Raubvogels zu sehen und fliegt nicht gegen das Fenster. Die Ratte wittert den Urin einer gewöhnlich schläfrigen Hauskatze und bringt sich in Sicherheit. Der Mensch kauft eine schicke Kaffeemaschine, weil sie das Kindchenschema bedient. Oder auch: der Mensch weicht vor Fremden zurück. Beide letzteren Beispiele sind keine exklusiv menschlichen Überlebensstrategien.

Integration erfordert Ehrlichkeit. Ihre große Familie, Freundes- und Bekanntenkreis, ihr Intellekt schützen sie vor den Psycho-Zurufen mancher Mitschüler. Mit ihren zehn Jahren weiß sie es bereits jetzt besser, weiß sie schon mehr von der Welt, als jeder andere von uns in ihrem Alter. Und dennoch muten wir ihr nicht jeden Drohbrief zu. Sie ist keine von den Social Media Stars in anderen Ländern, die rund um die Uhr Personenschutz benötigen. Statt ihrer, inszenieren wir uns. Ja, es ist kompliziert, allerdings nicht komplizierter als in anderen Familien. Vielleicht ist es sogar unkomplizierter. Gelebte offene Kommunikation und unbedingte Achtsamkeit sind immerhin unsere familiären Leitmaxime.

 

 

 

Eines Tages wird sie für sich selbst einstehen. Bis dahin bleibt sie, wie in anderen Familien, abhängig von vor allem einer Person. Das bin ich. Wer in Seenot gerät, wird letztendlich auch nur von einem Rettungsring, nicht aber von vieren, über den Fluten gehalten. Oder? Die anderen sind sozusagen aufmerksame Rettungsringe in Teilzeit, allzeit bereit. Sie wittern, wann ich, der Lieblings-rettungsreifen, unter dem Gewicht zu sinken drohe. Früher, öfter als heute, verabreichten sie mir präventive Pausen, damit ich meine Auftriebskörper prall gefüllt halten konnte. Untergehen drohte mir nie.

Dabei gibt es offiziell gar kein Lieblings-, beste- oder bester-. Wir alle zählen gleich viel. Wir alle haben gleich viel zu sagen und zu entscheiden. Das letzte Wort hat manchmal sie.

 

Von uns Vieren war ich schon immer die Zielstrebigste gewesen. Mediengeil werde ich gerne geschimpft. Die Wahrheit ist: das Rampenlicht war halt mein erstes Zuhause.

 

Wir vier. Gemeinsam sind wir Vorreiter. Gemeinsam haben wir ein Ziel: uns als gewöhnlich zu etablieren.

Tommy sah ich auf einem Seil zwischen zwei Bäumen balancierend, da waren wir 16. Als sich unsere Hände zum ersten Mal berührten, hatte ich die Liebe meines Lebens gefunden. Wir waren aus dem selben weichen Holz gemacht. Irgendwann sehnten wir uns nach mehr Ausgleich. Nach Metall, das sich durch uns winden sollte. Dann trafen wir Raffael. Und Raffael traf Mia.

Adoption stand nur kurz im Raum. Das Multi Parenting zu ermöglichen, darüber wurde damals bereits viel diskutiert. Der Klimawandel spielte auch eine Rolle. Trotzdem, normal war: Zwei Menschen bekommen ein Kind. Weiblein und Männlein. Männlein und Männlein. Weiblein und Weiblein. Kam Intersexualität dazu, wurde es schwierig. Noch schwieriger wurde es bei mehr als einem Elternpaar. Lange wussten wir nur, dass wir eine der ersten Multi Parenting Gruppen waren. Die Zahlen wurden über Jahre vom Gesundheitsministerium zurückgehalten. Diesen Spießern. Doch die Community findet sich schnell online.

„Sie sind zu einer der kontroversesten Personen des öffentlichen Lebens geworden. Ihre Haupteinnahmequelle ist die Vermarktung ihrer Familiensituation. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, sich für Multi Parenting nur aus medienwirksamen Gründen entschieden zu haben?“

 

 

 

Alle wollten wir ein Kind. Nur das Wer mit wem ließ sich nicht so leicht beantworten.

Ein Jahrzehnt voll anhaltender Selbstreflektion, Spiegelung und Verzerrung der öffentlichen Person. Gemeine Selbstfindung und Selbstverwirklichung, das war der Antrieb meines Lebens bis zu ihrer Geburt. Jetzt ist es zweitrangig. So unaufregend sich das nach Mama-Klischee anhört, so sehr ist dies ein Satz, den man gerne vor Publikum sagt. Sie lehrt mich, wer ich bin und wer ich noch werden will. Mein Leben ist…siebestimmt. Ich könnte für niemanden sterben, außer für sie. Seit ihrer Geburt weiß ich das. Ihre Geburt liefert den ultimativen Beweis. Und somit erfülle ich den Stereotyp ‘Mutter’. Das ist banal und einfach. Ich habe sie geboren und gestillt. Daran ändern auch drei weitere Elternteile nichts.

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