Münchner Bildergespräch

Ein Plädoyer dafür, sich für die Betrachtung eines einzelnen Bildes sehr viel mehr Zeit zu nehmen!


In diesem Beitrag erfahrt Ihr, wie das Münchner Bildergespräch Eure Museumsaufenthalte radikal verändern kann. Und warum Ihr es unbedingt auch riskieren solltet, Euch anderthalb Stunden vor ein und dasselbe Bild zu setzen.


Seit meiner Studienzeit besuche ich in regelmäßigen Abständen das Münchner Bildergespräch. Alle 2 bis 3 Monate wird es von meiner ehemaligen Dozentin, Gabriele Sprigath, sonntäglich um 11 Uhr organisiert und geleitet. Von dem ersten Treffen an war ich begeistert.

Ablauf des Bildergesprächs

Vor dem Treffen wird Name und Künstler des Bildes sowie der Gruppentreffpunkt bekanntgegeben. Danach tritt sofort eine der ersten Grundregeln für ein erfolgreiches Bildergespräch in Kraft, die da heißt: Keinerlei weitere Beschäftigung mit dem Bild. Kein Google, kein Wikipedia, nichts! Denn das Bild soll möglichst unvoreingenommen betrachtet werden. Es geht um Eure ersten Emotionen und Gedanken, die das Bild in Euch hervorruft. Und zwar wirklich nur darum! Und nicht darum, was Ihr über eine vermeintliche Epoche oder den Künstler selbst zu wissen glaubt.

Dementsprechend lädt das Bildergespräch wirklich jeden dazu ein, an ihm teilzunehmen. Ganz gleich, ob Ihr Kunst- oder Kulturbanausen seid.

Folgendes verrate ich Euch vor Eurem Besuch…

1. Mit dem, was Ihr gleich tun werdet, seid Ihr ziemlich allein.

Natürlich seid Ihr nicht ganz alleine, denn immerhin befindet Ihr Euch in einer Gruppe von ca. 12 Leuten. Wie ungewöhnlich es aber in einem Museum ist, sich länger mit einem Bild zu beschäftigen, zeigt diese kleine Anekdote unseres letzten Bildergesprächs im Münchner Lenbachhaus:

Im Lenbachhaus gibt es keine Stühle! Die Pinakotheken bieten beispielsweise Klappstühle für Gruppenführungen an. Auch diese typischen Museums-Sitzpolstergruppen, die oft mitten im Raum stehen, gibt es hier nicht. Stattdessen gibt es (wie fast überall) Audioguides. Eventuell habt Ihr daran noch nie etwas verwunderlich gefunden. Und das sei niemandem Übel genommen, denn auch Museen stehen schließlich unter einem wirtschaftlichen Druck. Der Museumskasse helfen massentaugliche Ausstellungen zum „Blauen Reiter“ und Audioguides, die alles andere tun, als die Besucher zum Nachdenken zu animieren. Mit einem Audioguide, der einem alles vorplappert, lässt sich schnell von Bild zu Bild gehen. Fazit: Niemand rechnet damit, dass ein Bild länger als fünf Minuten betrachtet wird. Im schlimmsten Fall bedeutet letzteres sogar einen wirtschaftlichen Verlust für das Museum.

2. Das hier ist keine Sonntagsunterhaltung, sondern der Weg zu Euch selbst und Euren Mitmenschen.

Das Bildergespräch ist als Gesellschaftsspiel oder auch Gesellschaftsexperiment angelegt. Die einzigen Regeln, die es gibt, sind die, dass es keinerlei Wertung dessen gibt, was ein anderer sagt oder empfindet, und dass sich jeder ein Stück weit dem Experiment öffnet, sich also traut zu sagen, was ihm durch den Kopf geht.

Merke: Jedes Urteil ist ein subjektives Urteil und über Subjektivität lässt sich nicht streiten!

Die daraus entstehende Gruppendynamik hat noch bei jedem Bildergespräch dasselbe bewirkt: Muster von Vorurteilen werden sichtbar, eigene aufgestellte Gewissheiten werden zu Ungewissheiten, unser Bild von der Realität wird in Frage gestellt und gleichzeitig deren Konstruktion offenbart.

Über genau diesen Gruppeneffekt lernt man sich selbst besser kennen. Man beginnt zu verstehen, wie es kommt, dass man etwas als real, unreal gut oder schlecht empfindet. Schlicht gesagt: Man beginnt zu verstehen, wie unsere Wertungen und Assoziationen entstehen und beeinflusst werden können. Denn in jedem Urteil liegt ein Muster. Interessant ist es diesem Muster auf den Grund zu gehen und festzustellen, dass alle Urteile Resultate unserer Alltagserfahrung sind.

3. Die Sinnlichkeit liegt im Fokus

Das Bildergespräch ist eine sehr sinnliche Erfahrung. Auch wenn, ich wage zu behaupten, dass alle unsere Erfahrungen mittelbar sinnlich sind. Beim Bildergespräch wird man sich über seine Sinnlichkeit erneut bewusst. In ca. anderthalb Stunden lässt sich an einem selbst beobachten, wie die eigenen Sinne zur Hochform auflaufen. In erster Linie spreche ich hier natürlich vom Sehsinn.

Die Aufmerksamkeit wird einer einzigen Sache gewidmet. Die Augen beginnen, anders als bei einem bewegten Bild, wo der Blick fixiert bleibt, über das Bild zu wandern. Woran genau man das festmachen kann, erkläre ich später noch. Vorab verraten kann ich allerdings, dass man nach diesen anderthalb Stunden selten Lust verspürt, sich ein weiteres Bild anzuschauen. Alle Konzentration ist zunächst aufgebraucht. Ja, ein Bild zu betrachten ist tatsächlich in gewisser Weise anstrengend – und darüber hinaus garantiert ein gutes Training für unsere Sehmuskulatur 😉

Nicht zu vergessen bleibt: Das gemeinsame Betrachten eines Bildes ist ebenso eine sinnliche Erfahrung. Dementsprechend habe ich auch das Titelbild für den Blogbeitrag ausgewählt: all art is erotic. Unter Erotik versteht man die sinnliche Anziehung zweier oder mehrerer Menschen. Kunst als erotisch zu bezeichnen, erscheint mir daher keineswegs als zu weit weggeholt. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, dass Audioguides dazu im Stande sind, genau diese Erotik zu töten.

Was passiert hier?

1. Eure Definition von Kunst könnte sich verändern

Am Ende eines Bildergesprächs gibt Gabriele Sprigath immer noch einen Einblick in die das Bild umgebene Kunsthistorie. Nicht selten kommt es vor, dass das Bild in der allgemeingültigen Kunsthistorie anders eingeordnet wird, als es die Gruppe herausgearbeitet hat. Auch die herausgearbeitete Bedeutung des Bildes weicht oft von dem ab, was in Museumskatalogen zu lesen ist. Zumindest stellt sich schnell heraus, dass die Museumsführer nie die ganze Wahrheit über ein Bild vermitteln können.

Auch die eigene Definitionen davon, was Kunst eigentlich ist und welche Ansprüche man an sie erhebt, können nach einem Bildergespräch überarbeitungswürdig werden.

Was mich direkt zum nächsten Punkt bringt…

2. Euer Verständnis davon, was ein Bild ist, könnte ins Schwanken geraten

Wir alle kennen die Macht von Bildern aus der Werbung. In dem Vorwort zum Lehrbuch Bild und Kommunikation schreibt Werner Kroeber-Riel:

Imagery ist zu einem zentralen Stichwort der internationalen Kommunikationsforschung geworden. Man versteht darunter die Wirkung von informativen und emotionalen Bildern auf das Verhalten.

Bildwirkungen unterscheiden sich grundsätzlich von Sprachwirkungen.

Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn. In der Zeit, in der ein Bild mittlerer Komplexität aufgenommen und verarbeitet werden kann, lassen sich – grob gesagt – nur sieben bis zehn Wörter vermitteln! Bilder werden mit geringer, gedanklicher Anstrengung verarbeitet. Sie eignen sich deswegen dazu, Empfänger mit geringerem Involvement zu erreichen. Sie werden besser erinnert als Sprache und sie haben einen außergewöhnlich starken Einfluß auf das Verhalten.

Tatsächlich beschreibt das unseren alltäglichen Umgang mit Bildern sehr gut. Wie oft streben wir nach Dingen, von denen wir ein bestimmtes Bild im Kopf haben? Sei es der neueste Staubsauger oder eine gelungene Gartenparty.

Wie oft vergessen wir, dass das Bild das wir uns zuvor gemacht haben, nicht die Realität ist? Der Staubsauger enttäuscht, weil er nicht so gut saugt, wie es auf dem Werbebild aussah. Die Gartenparty ist am Ende nicht so fröhlich, wie es das Bild, dass wir zuvor auf Instagram gesehen hatten, suggerierte.

Dass wir viel zu häufig den Fehler machen, Realität und Bilder gleichzusetzen, ist ein weiterer Punkt, der sich bei dem Münchner Bildergespräch gut beobachten lässt. Bilder werden als schlecht oder unangenehm empfunden, wenn sie nicht „realtistisch“ sind oder sich nicht mit unserer Wahrnehmung der Realität abgleichen lassen. Umgekehrt beeindrucken uns Bilder häufig, sobald sich sagen lässt: Das sieht ja aus, wie fotografiert! Dabei zeigt auch Fotografie immer nur eine Möglichkeit der Realität.

Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass wenn ich mich auf eine solche Abweichung vom Bild zu meiner eigenen gemachten Realität konzentriere, dass sich mir dann ganz neue Wege und Interpretationsmöglichkeiten im Bild auftun. Und spätestens dann kann ich dem Statement von Werner Kroeber-Riel nicht mehr zustimmen: Ein Bild lässt sich nicht schnell lesen. Es lässt sich schnell abtun und in eine Schublade schieben.

Interessanterweise passiert es so auch bei jedem Bildergespräch, dass Teilnehmer ein Bild am Anfang der Sitzung nicht mögen und sich selbst am Ende doch noch unbedingt korrigieren wollen und dem Bild durchaus eine Schönheit zusprechen. Im Laufe der Gesprächs verändert sich der Bezug zum Bild.

3. Ihr werdet Euch selbst wieder mehr Vertrauen, als den Museumsführern

Ich hatte sie bereits kurz angesprochen, die Wege im Bild. Euer Auge beginnt sich über die Bildfläche zu bewegen und Euer Gehirn sortiert Gleiches zu Gleichem. Das äußert sich indem Ihr plötzlich bemerkt, dass dieselbe Farbe an einer Stelle auf der Bildfläche, auch auf einer anderen zu finden ist. Ihr versucht Hinweise im Bild zu finden, warum das so ist. Der Künstler hätte auch eine andere Farbe an eben jener Stelle verwenden können. Hat er aber nicht. Allein sich vorzustellen, was wäre wenn… dieses oder jenes nicht im Bild wäre, hilft dabei den Fokus des Bildes auszumachen und zu erkennen, worauf der Künstler die Aufmerksamkeit des Betrachters richten wollte.

Wer diesen Wegen im Bild folgt und Interpretationen fern von Dogmen der Kunstgeschichte zulässt, der wird nicht nur lernen seinem eigenen Urteil mehr Aussagekraft beizumessen, sondern auch an Selbstbewusstsein im Umgang mit Kunst gewinnen.

Um Euch noch ein letztes Beispiel dafür zugeben, dass Ihr nicht allem Vertrauen solltet, was Ihr in Museumsführern zu lesen bekommt, sondern Euch immer erst Euer eigenes Urteil über ein Bild machen solltet, habe ich Euch ein im Bildergespräch oft besprochenes Zitat aus Courbets Manifest des Realismus mitgebracht (siehe Bild).

Es ist schon bemerkenswert, dass es der Neuen Pinakothek nicht gelingt seinen Besuchern, Courbets Definition vom Realismus, im Sinne des Manifests des Realismus näher zu bringen. Oder lest Ihr, dass zwischen den Zeilen, „das Gesicht meiner Epoche nach meinem Dafürhalten zu übertragen“, irgendetwas von „Darstellung der ungeschminkten, zuweilen drastisch übertriebenen Wirklichkeit“ steht?

Was hat das alles mit München zu tun?

Ganz einfach: Das Bildergespräch findet dank Gabriele Sprigath in München statt. In dieser Form gibt es diese Gespräche nur hier. 2015 wurde Gabriele Sprigath sogar der Friedlieb Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung verliehen. Für mich sind die Bildergespräche jedenfalls noch ein Grund weniger, München zu verlassen.

Solltet Ihr Interesse an dem Münchner Bildergespräch bekommen haben, dann schreibt mir doch einfach eine Mail an desiree@traveltastic.de.

Ich würde mich freuen 🙂

Neueste Kommentare

Desiree Verfasst von:

Favorite Place: Zuma Beach - Malibu | Favorite Label: Etro | Favorite Music: Massive Attack | Favorite Movie: La Grande Bellezza | Favorite Food: Mousse au Chocolat

3 Kommentare

  1. Jens
    11. Juni 2017
    Antworten

    Von einem Museum oder einem Kunsthistoriker zu gegebenen Zeitpunkt als Künstler vereinnahmt zu werden ohne verstanden worden zu sein, mag frustrierend erscheinen, ist jedoch aus Sicht der Museen nur der Versuch dem Unausgesprochenen einen „Rahmen“ zu verleihen. Jedoch „Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht“!.

    Die erworbenen Fähigkeiten sei es technischer oder verstandesbasierender Fertigkeiten ermöglicht dem Künstler, Bezug zu sich selbst und zur Welt zu nehmen. Seine Arbeit wird Ausdruck seiner Wahrnehmung, seiner Zeit, seiner Epoche. Und die Freude all diese Mittel in seinen Händen zu wissen, um sie zu wissen, gibt ihm die Befähigung zur eigenen Entfaltung.

    Man möge dem Künstler verzeihen das ihm die Deutungshoheit seines Werkes obliegt. Wenn wir durch die hier beschriebene Art Kunst erleben, uns einlassen und unsere eigenen Vorbehalte eventuell hinterfragen, könnten wir vielleicht Teil der erlebten künstlerischen Freiheit werden ohne in den museumsdidaktischen Schwitzkasten zu geraten.

    • admin
      admin
      11. Juni 2017
      Antworten

      Danke, das hast Du sehr schön zusammengefasst! 😉 Das sehe ich genauso und habe dem nichts weiter hinzuzufügen.

  2. Sabine
    12. Juni 2017
    Antworten

    Ich finde den Beitrag sehr interessant und bedaure es sehr , dass ich nicht in Muenchen lebe, denn ich wuerde gerne am Bildgespraech teilnehmen.
    Toll auch der Kommentar von Jens, eine wunderbare Erlaeuterung zum Text!!

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