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Samba Graffiti in Rio

Samba und Sambistas

In der ganzen Welt als Synonym für Brasilien geltend, wird der Samba (Musik und Tanz) für viele nur als Zeichen ungezähmter Lebensfreude verstanden, ein tänzerisches Zusammenspiel aus Temperament und Erotik. Es ist nicht zu leugnen, dass der Samba für Außenstehende als sexuell stimulierend empfunden wird, zumal er wie beim Tango oder Salsa durch seine Körperlichkeit besticht.

Dennoch enthält dieser brasilianische Tanzstil weitaus mehr Bedeutung als von Ausländern zunächst angenommen.

Geschichte des Sambas

Neben dem Jazz in den USA gehört auch der Samba zu den wichtigsten Beiträgen afrikanischer Musikkulturen auf dem amerikanischen Kontinent. Portugiesische Kolonialherren importierten drei Jahrhunderte lang afrikanische Sklaven zur Bewirtschaftung von Plantagen und den Betrieb von Bergwerken. Deren Nachfahren prägten nachhaltig das derzeitige brasilianische Bevölkerungsbild. Folglich bilden sie den größten Teil der Mitglieder in Sambavereinigungen wie in beispielsweise Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Recife.

Die Geschichte des Karnevals ist von der Geschichte des Sambas nicht zu trennen. Ohne Karneval gäbe es keinen Samba, dies ist auch umgekehrt der Fall. Während im 19. Jahrhundert der nach europäischen Vorbild gestaltete Karneval nur der Oberschicht vorbehalten blieb, feierte die Unterschicht in den Vororten Ihren eigenen Karneval. Zu dieser Schicht gehörten zum Großteil Einwohner afrikanischen Ursprungs. Ihr afrikanisch geprägte Karneval wurde zumeist im Verborgenen veranstaltet. So wurde nicht selten in den Vorzimmern der Tanzlokale Polka und andere europäische Musik gespielt, während die Hinterzimmer mit Samba beschallt und als Orte für afrikanische Rituale genutzt wurden. Samba war demnach auch als Zeichen sozialen Widerstandes gegen die europäische Oberschicht zu verstehen, welche nach wie vor Angst vor einem Sklavenaufstand hatte.

Escolas de Samba

Eine Folge des Karnevals der Mittellosen war die Herausbildung verschiedener Samba-Schulen Anfang des 20. Jahrhunderts. Escolas de Samba sind Tanzvereinigungen, die sich dem Samba verschrieben haben und auf Veranstaltungen wie z.B. während des brasilianischen Karnevals auftreten. Die Mitglieder, Sambistas genannt, entstammen zumeist den urbanen Armutsvierteln, den sogenannten Favelas.

Was im 19. Jahrhundert als gesellschaftlicher Widerstand galt, ist heute der Versuch soziale Werte für kurze Zeit umzukehren. Die Möglichkeit der Unterschicht zur Selbstdarstellung dient demzufolge als Mittel zum leider nur kurzweiligen Durchbrechen gesellschaftlicher Schranken: „Im Karneval dürfen wir Könige sein, dort ist alle Aufmerksamkeit auf uns gerichtet“.

Sich zusammen mit einer Samba-Schule zu präsentieren, gibt ihnen zumindest das Gefühl, sich höheren Gesellschaftsschichten anzunähern. Auch gegenwärtig ist ihnen höherer Unterricht an Gymnasien aufgrund hoher Kosten versagt. Da dies die soziale Ungleichheit weiterhin fördert, wird mit Hilfe der Sambaschule versucht, sich als Randgruppe in seriöser Form den anderen sozialen Gruppen anzunähern. Getreu dem Motto: Wenn schon eine geringe Chance auf höhere Schulbildung, dann wenigstens höheres Ansehen durch eine Mitgliedschaft in etablierten Sambaschulen. Die treibende Kraft für den Eintritt ist somit die Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Sei es intern oder durch das Entdeckt-werden auf zahlreichen Veranstaltungen.

Erst in den 50er und 60er Jahren erhielten die Sambaschulen volle soziale Anerkennung. Außerdem verschwand der bürgerliche Karneval aus dem Stadtkern und schuf Platz für dutzende Sambaschulen. 1975 wurden die Vereine offiziell von der Tourismusbehörde verpflichtet, sich ganzjährig dem Fremdenverkehrswesen zur Verfügung zu stellen, indem Proben der Gruppen für Zuschauer zugänglich gemacht wurden.

Escolas de Samba heute

Heute haben alle Escolas de Samba den Status eingetragener Vereine. Offiziell gelten sie als gemeinnützige Bürgervereine mit kulturellen Zielen und Angeboten zur Freizeitgestaltung. Ihr Jahreszyklus beginnt unmittelbar nach dem Karneval. Von der bewertenden Rückschau des Vorstandes über die Festlegung des Themas sowie die Proben bis zur Materialbeschaffung für aufwändige Kostüme bedarf es ein ganzes Jahr.

Mit ihren bis über 5000 Mitgliedern gleicht eine Samba-Schule heute einem millionenschweren Unternehmen. Sie bestehen u.a. aus einem Präsidenten, einer Medienabteilung, einer Kulturabteilung, Komponisten und einer eigenen Karnevalsabteilung, die sich ausschließlich das ganze Jahr über mit dem Ablauf des nächsten Karnevals beschäftigt. Verkäufe von Übertragungsrechten, Tonträgern und Eintrittskarten sind für den hohen Umsatzgewinn verantwortlich. Aber auch illegales Glücksspiel und Geldwäsche sollen laut Medien einen erheblichen Teil des Gewinns ausmachen.

Die bekanntesten Sambaschulen des Landes verlangen heute allein für Übertragungsrechte während des brasilianischen Karnevals schon Millionenbeträge. Dass landesweite Fernsehsender durch Werbeeinnahmen diese Beträge mehrfach wieder einspielen, beweist wohl deutlich den gegenwärtig hohen Stellenwert der Escolas de Samba innerhalb der brasilianischen Gesellschaft.

Der Samba als Musik-Stil

Samba-Musik wird oft nur mit Trommeln und wilden leidenschaftlichen Tänzen in Verbindung gebracht. Dies trifft allerdings nur bei einer Form des Sambas zu. Der Samba ist in Wahrheit nur der Oberbegriff für drei Typen: Samba enredo (typisch für den Karneval), Samba pagode (ländlich, traditionell und im kleinen Kreis gespielt) und der Samba Canção (baladenhaft).

Aus dem Samba Canção hat sich in den 60er Jahren zusammen mit Einflüssen aus dem Jazz ein weiterer typisch brasilianischer Stil entwickelt: der Bossa Nova. Ein bekannter Vertreter dieser Richtung ist João Gilberto. Eines seiner bekanntesten Lieder ist „Girl from Ipanema“. Auch Sergio Mendes ist ein berühmter Vertreter des Bossa Nova. Dank der Band The Black Eyed Peas hat sein Song „Mas que nada“ ein regelrechtes Revival erleben dürfen.


Black Eyed Peas – Mas Que Nada von phatt

Samba Festival Coburg
Um Samba zu hören, zu tanzen und dabei noch ganz viel brasilianisches Flair zu genießen, muss man nicht gleich nach Brasilien reisen. Das Samba-Festival Coburg sorgt mitten in bayerischen Franken für ausgelassene Stimmung und satte Lebensfreude. Jedes Jahr am zweiten Wochenende findet das Festival statt. Das Event entstand aus einer Laune heraus und mauserte sich zum weltweit größten Samba-Festival außerhalb Brasiliens. Tickets, Bilder und aktuelle Informationen findet ihr auf www.samba-festival.de. Samba und Sambistas in Franken: Klingt wie das Aufeinanderprallen zweier Welten. Gerade deshalb aber einen Besuch wert.

 

 

Was wir sonst noch sagen wollten:

  • Einen Bericht zum Samba Festival in Coburg 2015 findet Ihr auch auf Miss Itchy Feet

 

 

Titelbild: João da Bahiana Quelle: JpFerraz auf flickr.com

One comment

  1. Hallo,

    Wirklich sehr aufschlussreich dein Bericht !

    Ich habe bisher noch nicht gewusst, dass sich der Samba in drei Untergruppen unterteilt. Danke, wieder etwas dazu gelernt!!!

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